25 Jahre Freiheit: Meine Erinnerungen an den Mauerfall

Dieses Jahr jährt sich die Wiedervereinigung Deutschlands zum 25. Mal und ich lese ganz neugierig Artikel von Menschen, die über ihre Erinnerungen an die Zeit des Mauerfalls berichten. Christina schreibt hier über ihre Erinnerungen: Meine Wende: Von der DDR in die ganze Welt. Und Inka von blickgewinkelt hat zu dem Thema eine Blogparade gestartet und mich mit ihrem spannenden Artikel Und wo warst Du am 9. November 1989? zum Nachdenken gebracht, wie denn meine Erinnerungen an diese Zeit aussehen…

Meine Erinnerungen an den Mauerfall

1989 war ich elf Jahre jung, lebte mit meinem zwei Jahre älteren Bruder und meiner Mutter  in Bischofswerda, einer kleinen Stadt zwischen Dresden und Bautzen – also im sogenannten Tal der Ahnungslosen. Das hieß so, weil wir dort leider kein TV-Signal aus dem Westen empfangen konnten, wie es in Berlin oder in grenznahen Gegenden möglich war.

Wir wohnten in einem dieser typischen Plattenbauten. Unsere Schule war direkt auf der anderen Straßenseite, alle Schulfreunde wohnten in der Nachbarschaft, wir waren nach der Schule viel draußen unterwegs – bis es dunkel wurde und Mutti mit dem Abendessen zuhause auf uns wartete. Das war meine kleine heile Welt, an die ich mich gerne zurück erinnere.

Am 9. November 1989 wurde die Möglichkeit der direkten Ausreise für DDR-Bürger verkündet, die Berliner Mauer war plötzlich offen. Ich kann mich nicht mehr genau an diesen Tag erinnern und habe es auch in den Tagen danach nicht so recht verstanden, was da genau passierte. Einen Gedanken hatte ich aber im Kopf – so viel hatte ich immerhin kapiert: Wir können jetzt überall hin reisen! Was auch immer das bedeutet und wie auch immer das funktionieren sollte… mir war nur klar, dass sich da irgend etwas bewegt.

Auf nach Berlin!

Unsere erste Reise in den Westen führe uns nach Berlin, eine lange Fahrt im Trabbi zusammen mit vielen anderen Trabbis und Wartburgs auf der überfüllten Autobahn… In Berlin angekommen, liefen wir ziemlich lange durch die Straßen und drückten unsere Nasen an den Schaufensterscheiben platt. So viele Eindrücke, so viele Farben, so viele neuen Sachen, die wir bis dato noch nicht gesehen hatten… Letztendlich kaufte uns meine Mutter einen Kassettenrecorder (Radio mit Doppel-Kassettendeck, voll cool!), mit dem ich noch jahrelang Musik aus dem Radio aufnehmen und überspielen sollte. Das war also mein erster echter West-Kassettenrecorder!

Später bei einer Fahrt nach Hof in Bayern erinnere ich mich nur noch daran, dass wir dort als erstes Schokolade kauften – die mit der lila Kuh, diese kannten wir inzwischen schon aus der Fernsehwerbung. Und ich wollte unbedingt eine Milchschnitte haben, die so unglaublich lecker aussah im Werbefilm. Die Ernüchterung kam schnell – das Teil war mir viel zu pappig und zu süß. Blöde Werbung…

Erste Begegnungen mit der Marktwirtschaft

Ein wichtiges Detail fiel mir auf beim ersten Besuch in einem Supermarkt – das habe ich mit meinen elf Jahren einfach nicht verstanden: Plötzlich gab es verschiedene Packungen Milch im Regal – verschiedene Marken zu unterschiedlichen Preisen. Das hat mich total irritiert! Wie kann Milch denn verschiedene Preise haben, da ist doch überall letztlich das gleiche drin!? Ja, dies war meine erste Begegnung mit dieser sogenannten freien Marktwirtschaft… inzwischen habe ich es halbwegs verstanden.

Das sind meine ersten Erinnerungen an die Zeit des Mauerfalls. Dass sich die Details so sehr ums Einkaufen drehen, fällt mir jetzt erst auf. Aber das war vermutlich für uns als Kinder das aufregendste – neue bunte Dinge, die plötzlich überall lockten.

Ich denke so richtig bewusst habe ich diesen Umbruch gar nicht wahr genommen. Klar, es haben sich viele Dinge danach verändert. Aber als Kind geht man damit viel lockerer um und ist meist eh nicht direkt davon betroffen.

Die Generation meiner Eltern hatte es da sicherlich um einiges schwerer. Plötzlich wurden Unternehmen geschlossen, das Schulsystem wurde geändert, die Kinder waren plötzlich nicht mehr ganztags in Betreuung. Die Mieten stiegen an, Freunde und Bekannte zogen weg, meist natürlich in den Westen. Alles veränderte sich rasant schnell und die Menschen mussten sich auf die neuen Gegebenheiten einstellen, was sicherlich nicht einfach war.

Was habe ich in der DDR vermisst?

Eine Frage, die ich oft gestellt bekommen habe, wenn ich (vor allem im Ausland) mit Menschen über meine Zeit in der DDR gesprochen habe: Was hast du am meisten vermisst in der DDR?
Nach etwas Nachdenken kam mir die Erkenntnis: Ich habe nichts vermisst. Wie soll man auch etwas vermissen, was man nicht kennt? Ich hatte eine schöne Kindheit, Freunde, Spielzeug, die Schule hat Spaß gemacht. Im Sommer sind wir ins Ferienlager gefahren, das war Abenteuer pur! Ich kannte weder Barbiepuppen noch Mickey Mouse, deshalb fehlten die auch nicht.

Das ist natürlich die Erinnerung an die Zeit als unwissendes Kind, ältere Leute haben ganz sicher andere Erinnerungen daran.

Ach, und wer war mein erster Lieblingsstar aus’m Westen?

Ja klar, The Hoff! Schließlich hat er die Mauer zum Fall gebracht, nicht wahr? ;-)

Frage an euch: Was sind eure Erinnerungen an die Zeit um den Mauerfall?
Schreibt einen Kommentar oder nehmt an der Blogparade von Inka teil und teilt euren Beitrag dazu! Ich bin sehr gespannt auf eure Erlebnisse!


Auf dem Foto oben seht ihr übrigens meinen Bruder (links) und mich (rechts)… das muss Anfang der 80er gewesen sein. Sehen wir nicht aus wie zwei kleine Engel? :)

10 Comments

  • Oh großartig Mandy! Die Punkte die Du ansprichst… das kann ich so nachvollziehen. Was ich im Artikel erwähnt habe zu vergessen. Wir haben in unserer Schule 1990 den ersten „Deutsch-Deutschen Schülerkongress“ organisiert (jetzt kann ich schonmal angeben und vergesse sowas im Artikel, pffft!), ich kam also sehr schnell schon mit „Ossi-Schülern“ ins Gespräch, so im Alter zwischne 15-17, und die haben genau das Gleiche erzählt: Dass besonders „beeindruckend“ (auf die eine oder andere Art) die Vielfalt in den Läden war.
    Vielleicht kann man ein bisschen sagen: Der Mensch ist eben doch ein Konsumtier, egal, wie er aufwächst?
    Die Elterngeneration: Ja, diese krassen Umbrüche und die Notwendigkeit dieser Generation, sich super schnell anzupassen, das habe ich bei den Eltern von meinem Freund mitbekommen. Und auch, dass das im Westen niemanden interessiert hat.
    Und ich mag Dein Resümée sehr, dass Du als Kind nichts vermisst hast. So nachvollziehbar, so schön geschrieben.
    Ich danke Dir, auch für die Erwähnung! :)
    LG /inka

    • Danke für deinen Kommentar, Inka! Ja, diese Erkenntnis, dass ich als Kind eigentlich nix vermisst habe, kam mir erst vor ein paar Jahren, als ich in Argentinien vor einer Schulklasse von 16jährigen Kids über meine Erinnerungen an die DDR gesprochen habe. Die waren total interessiert und konnten sich überhaupt nicht vorstellen, wie das ist, so eingesperrt „hinter der Mauer“ zu leben. Als ich dann erzählte, dass ich eigentlich nichts vermisst habe, weil ich ja gar nicht wusste, was es da draußen in der Welt noch so gibt… ich glaube da haben sie es ein wenig verstanden. :)

  • Hallo Mandy, danke für diese Einblicke in deine persönlichen Erlebnisse nach der Wende! Ich (Wessi ;) ) selbst habe als damals Vierjährige leider nicht mehr viel auf dem Schirm, außer dass alle ständig vorm Fernseher saßen und Nachrichten geguckt haben. Und dann in der Grundschule saßen plötzlich Kinder aus Polen usw. in der Klasse. „Ausländer“ kannten wir im fränkischen Dorf ja bis dato nicht ;) Ich glaube, das war damals richtig schwierig zu handhaben in den Schulen. Die waren das zuvor auch nicht gewöhnt, mit Nicht-Muttersprachlern Unterricht zu machen. Hm. Was mich auch zu der Frage bringt, warum man eigentlich das Schul- und Betreuungsystem der DDR nicht übernommen hat, sondern vielmehr das Wessi-System der DDR übergestülpt hat. Ich denke, da wurden im Nachgang ziemlich viele sinnvolle Dinge gleich mit abgesägt…

    • Ja, warum das Schulsystem der DDR komplett abgeschafft wurde ohne zu schauen, ob man nicht vielleicht doch etwas davon übernehmen könnte – ich glaube das war einfach Politik. Schließlich war anfangs erst mal alles schlecht, was in der DDR passiert ist. Und alles was aus’m „Westen“ kam, war besser. Das wurde nicht hinterfragt… leider.
      Aber immerhin hat der grüne Pfeil „überlebt“. ;-)

      • Immerhin!
        Momentan kommen ja im TV sehr viele Dokus über die DDR und ihr Ende etc. Habe auch da das Gefühl, dass anscheinend auch an sich gute bis neutrale Dinge mit aller Gewalt schlechtgeredet werden. Beispiel Kinder- und Jugendorganisationen – war ja immer alles Gehirnwäsche und Indoktrination… aber im Kindergarten mit kirchlichem Träger im Westen wird ja gar nicht versucht, Einfluss auf das Weltbild zu nehmen oder wie … ich kann das jetzt nicht wirklich vergleichen und beurteilen, weil ich nur den Wessi-Part kenne, aber da wird schon recht offensichtlich mit zweierlei Maß gemessen, finde ich.

  • Liebe Mandy ich glaube diese Punkte haben wir alle als Kinder empfunden … ich hatte eine schöne Kindheit, Freunde, Spielzeug, die Schule hat Spaß gemacht. Im Sommer sind wir ins Ferienlager gefahren, das war Abenteuer pur!. Lese mich gerade durch alle Artikel dieser tollen Blogparade und es ist wirklich sehr schön von einzelnen Menschen dieses Erlebnis anders zu sehen und nochmals zu entdecken. Habe meinen Beitrag gestern auch noch veröffentlicht.
    Grüsse sendet Daniela

  • Liebe Mandy,
    mir war das nie so klar, was diese Flut an Konsumgüter eigentlich für ein Kulturschock für Kinder aus der DDR gewesen sein muß.
    Ich (damals knapp 10) habe mich nur über die langen Schlangen vor den Supermarkttüren gewundert. Wenn man damit aufwächst ist das ja alles „normal“.
    Das umgekehrte Erlebnis habe ich immer in Norwegen und finde es eigentlich sehr entspannend: es gibt nur zwei Sorten Milch statt 10 und zwei Joghurtmarken, mit 8 verschiedenen Geschmacksrichtungen statt 20m Kühlregale.

    Danke für Deine Erinnerungen!
    Viele Grüße
    Suse

  • Liebe Mandy,
    auch ich kann mich an den Mauerfall erinnern, allerdings anders als du. Ich stand damals mit unserem neugeborenen Sohn auf dem Arm vor dem Fernseher und verfolgte die Geschehnisse im Fernsehen. Allerdings befand ich mich in Westdeutschland und nun lebe ich mit meiner Familie seit fast 19 Jahren in den neuen Bundesländern. Auch ich halte meine Erinnerungen in einem Blog fest. Wie ich mit meiner Familie von Darmstadt nach Cottbus kam, kann man hier unter dem Titel „Jetzt fängt mein neues Leben an“ und „Chaotischer Umzug“ nachlesen. Wir fühlen uns hier sehr wohl und sind hier zu Hause.
    LG
    Astrid

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